Stille Heldinnen – Stille Helden
ORTE DER HELFENDEN

1933-1945

Niedersachsen und Bremen

Stille Heldinnen und Stille Helden in Niedersachsen – ein historischer Überblick

Entrechtung, Verfolgung und Zwangsarbeit

Während der NS-Zeit wurden auf dem Gebiet des späteren Landes Niedersachsen Hunderttausende von Menschen aus unterschiedlichsten Gründen diskriminiert, misshandelt, weggesperrt, deportiert und ermordet. Bis Kriegsbeginn waren fast ausschließlich deutsche Bürgerinnen und Bürger von der Verfolgung betroffen, ab Kriegsbeginn 1939 in immer größerem Umfang Frauen, Männer und sogar Kinder aus allen von deutschen Truppen besetzten Gebieten in Europa, die u. a. auch nach Niedersachsen verschleppt wurden.

Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 galten die ersten Terrormaßnahmen den Kommunisten, Sozialdemokraten und Politikern der katholischen Zentrumspartei. Erste Konzentrationslager wurden in Moringen, Vechta und im Emsland eingerichtet. Bald darauf setzte die Entrechtung von Juden, Sinti und Roma, sogenannter „Asozialer“, Zeugen Jehovas und Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung ein. Ab 1938 existierten mehrere Zwangsarbeitslager für deutsche und österreichische Juden; Sinti und Roma wurden in Sammellagern untergebracht. In angeblichen „Heil- und Pflegeanstalten“ wurden Patienten ermordet oder dem Hungertod ausgeliefert, Ärzte nahmen Zwangssterilisationen vor.

Während des Krieges kamen in fast jedem Ort ausländische Arbeitskräfte zum Einsatz: Die meisten waren zivile Zwangsarbeiter vor allem aus der Sowjetunion und Polen, aber auch aus den Niederlanden, Frankreich und anderen besetzten Staaten, die als „Fremdarbeiter“ und „Ostarbeiter“ bezeichnet wurden. Hinzu kamen Arbeitskommandos mit polnischen, französischen, belgischen, serbischen oder sowjetischen Kriegsgefangenen sowie italienischen Militärinternierten.

Darüber hinaus richtete die SS auf dem Gebiet von Niedersachsen und Bremen während des Krieges Konzentrationslager ein. Neben dem KZ Bergen-Belsen gab es mehr als 50 Außenkommandos der Konzentrationslager Neuengamme, Buchenwald, Bergen-Belsen und Dora-Mittelbau mit Zehntausenden deutschen und ausländischen KZ-Häftlingen. Bereits 1940 wurde das „Jugendschutzlager“ Moringen für nicht angepasste und oppositionelle männliche Jugendliche eingerichtet. Hinzu kamen sogenannte „Arbeitserziehungslager“der Gestapo als Straf- und Disziplinierungseinrichtungen für deutsche und ausländische Zivilarbeiter, in denen KZ-ähnliche Verhältnisse herrschten.

Für die deutsche Bevölkerung brachte der Krieg eine Verschärfung und Ausweitung möglicher staatlicher Verfolgungsmaßnahmen. Neue Straftatbestände wurden eingeführt. So wurden beispielsweise für „Kriegswirtschaftsvergehen“, das Schwarzschlachten, das Hören von „Feindsendern“ oder Kontakte mit ausländischen Zwangsarbeitern sowie Kriegsgefangenen drastische Strafen verhängt: Gefängnishaft, Einweisung in ein Konzentrationslager und sogar die Todesstrafe.

 

NS-Kundgebung vor dem Auditorium der Universität in Göttingen © Fotoarchiv der Universität Göttingen (?) (1933)

Möglichkeiten der Hilfe für Verfolgte

Angesichts der hohen Zahl an bedrohten und verfolgten Menschen bestanden vielfältige Möglichkeiten der Hilfeleistung, die mehr oder weniger riskant waren. Zu Beginn der Repressionen und Ausgrenzungen konnte schon eine freundliche Geste Hilfe sein. Personen z. B., die trotz der Einschüchterungsversuche in jüdischen Läden einkauften und ihre jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger weiterhin grüßten, signalisierten die Bereitschaft, sich menschlich zu verhalten und psychischen Beistand zu leisten.

Die Verfolgten selbst reagierten häufig mit der Flucht aus Deutschland. Diese konnte ihnen jedoch oftmals nur mit der Hilfe von Menschen gelingen, die bereit waren, sie zu unterstützen. Helferinnen und Helfer mussten Netzwerke aufbauen und gefährdeten ihr eigenes Leben und das Leben ihrer Familie, um den Verfolgten falsche Papiere, Proviant, Verstecke und Fahrzeuge zur Verfügung zu stellen. Eine besondere Situation ergab sich in Niedersachsen durch die Grenze zu den Niederlanden. Einige Stille Heldinnen und Stille Helden leisteten Hilfe bei der Flucht von Bedrängten und Verfolgten in die Niederlande.

Als die Deportationen einsetzten, versuchten viele Menschen, sich zu verstecken oder eine falsche Identität anzunehmen. Auch sie waren darauf angewiesen, dass ihnen jemand ein Versteck zur Verfügung stellte und sie ausreichend mit dem Lebensnotwendigen versorgte. Die Schätzungen über die Anzahl der untergetauchten Jüdinnen und Juden, den sogenannten „U-Booten“, gehen von 10.000 bis 15.000 Personen aus. Wie viele von ihnen dauerhaft oder zeitweise im heutigen Niedersachsen und Bremen untergetaucht waren, ist nicht bekannt. Jede der untergetauchten Personen brauchte meist mehrere Helferinnen und Helfer, um zu überleben.

Die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen arbeiteten oft gemeinsam mit deutschen Arbeitskräften in der Landwirtschaft, in Gewerbebetrieben, in der Industrie, beim Straßenbau oder bei der Bahn. Die polnischen und sowjetischen Zwangsarbeiter sowie die sowjetischen Kriegsgefangenen und die italienischen Militärinternierten wurden besonders schlecht verpflegt und behandelt. Vor allem sie waren also hilfebedürftig. Es gibt Berichte, dass sie gelegentlich heimlich mit Lebensmitteln versorgt wurden und Informationen über die Kriegslage erhielten. Etliche bedrohte und geflohene Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene wurden versteckt. Auch die Solidarität zwischen den Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen untereinander, zumal wenn sie dieselbe Sprache sprachen, war groß.

Für die Häftlinge in den streng bewachten Lagern der Gestapo und der SS war Hilfe von außen zwar kaum möglich, doch beim Arbeitseinsatz in den Betrieben und auf den Baustellen gab es Berührungspunkte mit der Bevölkerung und damit Möglichkeiten der Hilfeleistung auch für diese Verfolgten.

Von der Außenwelt abgeschirmt waren auch alle Insassen der „Heil- und Pflegeanstalten“, die insofern der Brutalität der Regimes schutzlos ausgeliefert waren. Auch wenn Hilfe für diese Personen, die meisten von ihnen unheilbar kranke Menschen, unmöglich erschien, haben ihre Verwandten gelegentlich durch Aufbietung aller Kräfte erreicht, dass sie von den sogenannten „Euthanasiemaßnahmen“ ausgenommen wurden.

Im Frühjahr 1945, als sich die britischen, kanadischen und US-amerikanischen Truppen aus dem Westen und Süden näherten, passierten unzählige sogenannte „Evakuierungstransporte“ Nordwestdeutschland, zumeist Richtung Norden. Zehntausende KZ-Häftlinge wurden mit Bahntransporten vor der Front „evakuiert“ oder auf Fußmärschen in die Konzentrationslager Bergen-Belsen und Neuengamme oder das Ausweichlager Sandbostel getrieben. Wer vor Schwäche nicht mehr marschieren konnte, wurde auf der Stelle erschossen. Viele KZ-Häftlinge versuchten zu fliehen; einige wenige wurden von Stillen Heldinnen und Stillen Helden versteckt und überlebten so die kritischen Tage bis zum Eintreffen der alliierten Truppen.

In den letzten Kriegsmonaten passierten außerdem Bahntransporte und Marschkolonnen mit Kriegsgefangenen und Gefängnisinsassen niedersächsisches Gebiet, und auch hier gab es Fälle, in denen aus der Bevölkerung heraus Hilfe geleistet wurde – etwa durch Zustecken von Nahrungsmitteln oder das Bereithalten von Verstecken.

Schließlich sollen noch die Soldaten erwähnt werden, die nicht mehr bereit waren, für das Regime zu kämpfen und für „Führer, Volk und Vaterland“ zu sterben. Diesen sogenannten Deserteuren drohte das Todesurteil. Einigen gelang es mit fremder Hilfe, sich bis Kriegsende zu verstecken.

Das Dorf Groß Oesingen stellte sich schützend um den jüdischen Mitbürger Julius Katz (2. Reihe, 3.v.r), der deshalb die NS-Zeit überlebte © Calluna-Verlag (1950)

Erinnerung an die Stillen Heldinnen und Helden

Die Rettung von Verfolgten unter den Bedingungen einer totalitären Diktatur und eines mörderischen Weltkrieges wird heute als Widerstand gewertet. Dieser sogenannte „Rettungswiderstand“ ist ein vielschichtiges Phänomen. Das gesamte Maß und die Tragweite der geleisteten Hilfe, die Motive der Helfenden, die Erfolgsquote der Rettungsaktionen können nicht mehr mit letzter Sicherheit rekonstruiert werden, denn die Helferinnen und Helfer haben nach dem Ende der Diktatur über ihre Taten meistens geschwiegen.

Viele der Helfenden dachten, dass ihr Handeln selbstverständlich gewesen sei. Die Mehrheit der deutschen Gesellschaft, die die Verbrechen geduldet oder sogar aktiv an ihnen teilgenommen hatte, hatte ohnehin kein Interesse, Rettungsgeschichten zu hören. Geschichten, die sie vielfach als Verrat am eigenen Volk deuteten und die ihnen vor Augen führten, dass menschliches Verhalten möglich gewesen wäre.

Eine offizielle Würdigung des „Stillen Heldentums“ kam spät und eher zögerlich. Seit 2008 widmet sich in Berlin die Gedenkstätte „Stille Helden“ der Erinnerung an die Retterinnen und Retter und an die Geretteten. Viele Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sind inzwischen gestorben. Trotzdem gibt es in den Archiven und Privatzeugnissen noch viel zu entdecken.

Seit 2011 steht in Langenhagen das Denkmal für die „Stillen Helden“ Lina und Rudolf Kiefert.© Tim Rademacher, Arbeitskreis Regionalgeschichte e.V. (2019)